Nach nur einem Tag des Glücks
Nach nur einem Tag des Glücks
Mit großen Kullertränen steht sie in der Tür unseres kleinen Apartments auf Station Helena.
Ich wollte gerade beherzten Schrittes und frisch geduscht mein Domizil und Bett direkt am Fenster mit Blick auf den Parkplatz erreichen, als ich von diesen tränen rührenden Anblick aufgehalten wurde. Meine zarte kleine Mitstreiterin stand zitternd im Zimmer und die Tränen rannen ihr übers Gesicht. Tränen der Fassungslosigkeit, des Zorns und dem Zeichen absoluter körperlicher Grenzen.
Ich brauchte ihre unter Weinen hervorgebrachten Worte nicht wirklich zu verstehen, denn ich verstand was sie fühlte. War ich nicht selbst erst vor knapp 4 Tagen in der selben psychischen Verfassung? Ja, ich wollte mich lieber nicht so sehr erinnern. Ich streichelte ihren zarten Arm und hörte ihr zu. Mit einem bewusst warmen Ton in der Stimme versicherte ich ihr, dass ich verstehe.
Die Wut in ihr siegte über die Trauer und sie sagte mit einer nach Überleben ringenden Stimme: "ich bleibe da im Flur sitzen, bis man mir eine neue Kanüle setzt!" Sie verließ mit ungeahnter Energie das Zimmer.
Meine Gedanken waren nun erst mal bei meinem Tagesproblem Nr. 1 zurückgekehrt: neues Toilettenpapier organisieren!
Sofort wurde von mir die heran marschierende Putzfrau in Beschlag genommen. Die arme guckte ganz beflissen aber etwas verwirrt. Sie stotterte, dass sie dafür nicht zuständig sei, aber sich schnell darum bemühen werde. Sie huschte auf dem Flur hin und her. Doch wo sie die Toilettenrollen vermutete, waren sie nicht. Aber da, da waren sie dann endlich. In ihrer Beflissenheit vielen ihr die ersten Rollen der Großpackung auf dem Boden. Ich griff beherzt zu, damit ich wenigstens eine der kostbaren Rollen erwischen konnte. Glücklich grinste ich in ihr weiches großflächiges Gesicht. Die hektisch roten Flecken auf ihren Wangen verteilten sich zu einem zartrosa, wie bei einem jungen Mädchen.
Mit meiner Beute zurück im Zimmer holte mich die Traurigkeit meiner zarten Bettnachbarin wieder ein. "Ein neuer Kanülenzugang für ihr Antibiotika hat noch Zeit! Es ist ja noch nicht mal 7:00!" so gab sie den Originalton der Stationsschwester wieder. Mit Tränen überstürzter Stimme gab das zarte Persönchen sich ihrer Verzweiflung hin: "gerade wo ich anfing mich etwas besser zu fühlen!Man muss doch das Zeug in regelmäßigen Abständen geben!Ich komme aus einem Schwesternhaushalt!und....und....und..." Sie rechnete schnell nach, und Tatsache! Das wichtige Antibiotika hätte vor 2h über den Tropf in ihre Venen fließen müssen. Das arme Ding machte ja echt fasst 1:1 mit, was ich vor einigen Tagen hier auf der legendären Station Helena erlebt hatte.
Wie ein kleines Kind weinte sie nun über ihre nasse Zudecke, auf der sich das Antibiotika von 5:00 ergossen hatte, statt in ihren Venen zu landen.
Inzwischen ist es 8:00. Ein neuer Venenzugang wurde gelegt. Das Warten auf den leben gebenden Stoff kann beginnen. So eilig hat man es hier auf der Station Helena nicht.
Mittendrin, nicht für unsere Ohren bestimmt, wurde ich Zeuge eines kleinen Gesprächs zwischen Stationsschwester und Assistentin. MRSA! Da war es wieder - dieses Schreckgespenst, dass sich in Krankenhäuser einnistet und gemein auf sein nächstes Opfer wartet ist nun auch auf unserer Station angekommen. Graue Urängste und dramatische Erinnerungen beschlichen mich..........nach nur einem Tag des Glücks.
8:00 Frühstück! Ein Wort mit neuer Bedeutung, denn es zeigt an, dass die Zeit fortgeschritten ist und noch immer kein Antibiotika für meine kleine Bettnachbarin. Sie harrte nun als mahnendes Hindernis im Flur, um ja Aufmerksamkeit zu erzeugen. Doch schon zehn nach acht brach sie ihre Kampfposition wieder ab und kam als weinenden Häufchen Unglück wieder zurück ins Zimmer. Unsere Frühstücksfrau, eine beherzte nette Frau Mitte vierzig guckte mich fragend an und ich erklärte ihr in kurzen Worten das Drama. Da kam Leben in sie. Sie wurde direkt ein Stückchen größer, als sie mit aller Kampfeskraft sagte: "warten sie, ich mach das schon!". Und sie verließ siegessicher das Zimmer. Keine drei Minuten später wurde das Antibiotikum verabreicht.
Lerne: Habe immer und überall Verbündete!
Um die äußeren und die inneren Tränen zu trocknen servierte unsere liebe Frühstücksfrau dem armen Mädel nun Brötchen mit doppelt Nutella :) Sie weiß wirklich worauf es ankommt! :)
@MumeWorld